Gerade der Wedding war als „rote Hochburg“ Berlins verschrien. Rund um das große AEG-Werk und der weiteren Umgebung lebten besonders viele Arbeiterfamilien, sodass hier auch die Arbeiterparteien besonders stark vertreten waren. Darunter vor allem die kommunistische KPD, die sozialdemokratische SPD und die faschistische NSDAP. Alle drei Parteien bekämpften sich gegenseitig und hatten dazu ihre jeweiligen Kampforganisationen, wobei sich vor allem die SA der Nazis als eigenständige Organisation auf der Straße profilierte. 1932 wurde die SA vorübergehend verboten. Sie war es auch, die es mit ihrem Klassenkampf-Pathos schaffte, eigentlich antifaschistische Arbeiter schon vor der Machtübernahme zu den Nazis zu holen, und erst recht, nachdem ihre Partei an die Regierung kam.
In der Gegend um den Gesundbrunnen gab es mehrere Schwerpunkte, an denen es bis 1933 regelmäßig Kämpfe gab, vor allem zwischen den Nazis und den Kommunisten. Neben dem großen AEG-Werk an der Brunnenstraße waren das der Betriebshof der BVG in der Usedomer Straße sowie die verschiedenen Festsäle der Umgebung. Saal- und anschließende Straßenschlachten gab es oft am Bahnhof Gesundbrunnen, in dessen Umgebung einige Versammlungsräume der Nazis und der Kommunisten existierten. Auch bei mehreren Märschen der Faschisten durch die Putbusser und die Swinemünder Straße kam es zu Straßenkämpfen.
Der BVG-Betriebshof Usedomer Straße war für alle politischen Gruppen ein interessantes Terrain und daher auch mehrmals Schauplatz der Auseinandersetzungen. Als SA-Männer dort am 29. Mai 1931 Flugblätter der „Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation“ (NSBO) verteilen wollten, wurden sie von BVG-Arbeitern mit Gewalt vertrieben. Schräg gegenüber befand sich in der Usedomer Straße 9 schon sehr früh das erste SA-Sturmlokal im Wedding, das „Grahn“. Dort, nahe der Brunnenstraße, kam es kurz darauf wieder zu schweren Auseinandersetzungen, diesmal weil die NSDAP im Wahlkampf mit der KPD aneinander geriet.
Während des SA-Verbots 1932 existierte die Organisation illegal weiter. Als Sportverein getarnt, traf man sich in den Sturmlokalen und machte auch weiterhin Jagd auf Andersdenkende, nur eben nicht in Uniform. Als das Verbot am 11. Juli durch den neuen Reichskanzler Papen wieder aufgehoben wurde, schlug die SA noch am selben Tag erbarmungslos zu: 27 Tote und 181 Schwerverletzte waren das Ergebnis.
Nachdem die Nazis am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, waren die Kommunisten dann die ersten, die den geballten Terror abbekamen. Die KPD wurde verboten, ebenso ihre Unterorganisationen und angeschlossenen Initiativen. Die kommunistischen Abgeordneten im Reichstag und den Regional- und Lokalparlamenten verloren ihre Mandate, Tausende von Funktionären und bekannten Mitgliedern wurden verhaftet. Die SPD wurde zwar zum Teil ebenfalls von Anfang an Repressionen unterzogen, doch die Nazis ließen sich mit deren völliger Unterdrückung noch sechs Wochen Zeit. Denn für Anfang März 1933 waren Wahlen angesetzt, mit denen sich die Faschisten ganz offiziell bestätigen lassen wollten. Es war vorgesehen, dass dies für die folgenden tausend Jahre die letzte Wahl sein sollte. Das klappte zwar nicht ganz, aber es wurden immerhin noch zwölf. Die KPD konnte an dieser Wahl nicht mehr teilnehmen und auch die SPD stand schon unter massivem Druck. Manche ihrer Abgeordneten waren bereits verhaftet, untergetaucht oder in weiser Voraussicht ins Exil gegangen. Am 5. März 1933, unmittelbar vor der letzten Wahl, fand dann in der „Lichtburg“ am Bahnhof Gesundbrunnen die letzte offizielle SPD-Veranstaltung im Wedding statt. Allerdings konnte sie nicht mehr zu Ende gebracht werden und musste sich bereits nach der ersten Rede auflösen.
Der Widerstand, den es während der NS-Zeit gab, ist leider sehr überschaubar. Einer der Nazigegner war Walter Wels, Sohn des SPD-Reichstags-Abgeordneten Otto Wels. Sein Vater stellte sich bei der Reichstags-Abstimmung zum Ermächtigungsgesetz, das der NSDAP die totale Macht im Staat garantierte, den Nazis entgegen, musste daraufhin aber aus Sicherheitsgründen das Land verlassen. Er emigrierte nach Prag, wo er mit anderen den SPD-Exilvorstand aufbaute. Zusammen mit seiner Frau Luise überstand er auch die zahlreichen Hausdurchsuchungen der Gestapo, die Walter Wels — völlig zu Recht — in Verdacht hatte, illegal für die Partei zu arbeiten. Denn tatsächlich gelang es ihm mehrere Male, trotz Bespitzelungen zu seinem Vater nach Prag zu kommen und von dort illegales Material mitzubringen, das er dann in Berlin unter anderen Sozialdemokraten verteilte. Zusammen mit seiner Frau organisierte Walter Wels noch jahrelang illegale Treffen sozialdemokratischer Sympathisanten und schaffte es sogar, jüngere Menschen aus der Gegend des Gesundbrunnens mit einzubinden.
Ein anderes Beispiel ist die Arbeit der Brüder Werner und Gerhard Wille, die in der Behmstraße 1, unmittelbar am Bahnhof Gesundbrunnen, ihre Rechtsanwaltskanzlei hatten: Bis 1938 verteidigten sie verfolgte Antifaschisten, bis hoch zum Volksgerichtshof. Doch die Gestapo hatte vor allem Werner Wille schon lange in Verdacht, Kontakt zum Vorstand der Exil-SPD zu halten, was auch stimmte.
In der Gegend des Gesundbrunnens arbeitete auch der „Internationale Sozialistische Kampfbund“ (ISK). Der ISK begann mit seiner illegalen Arbeit im Herbst 1933, in Form von Klebezetteln und Flugblättern. Im April 1935 flog die Gruppe auf, der Hauptangeklagte Fritz Grob erhielt drei Jahre Zuchthaus. Ein anderer ISK’ler, der Maler Kurt Kulse aus der Swinemünder Straße 34, verbüßte über zwei Jahre Haft.
Die „Rotsportler“, etwa 20 junge Weddinger, trafen sich im Lokal Ramlerstraße 5 Ecke Putbusser Straße. Dort kamen sie als Billardkreis getarnt zusammen. Gleich um die Ecke, in der Swinemünder Straße, wurden Flugblätter gedruckt, die in der Gegend verbreitet wurden. Diese Gruppe wurde jedoch 1935 an die Gestapo verraten.
1937 folgte eine erneute Verhaftungswelle gegen Kommunisten, vor allem im Unterbezirk Gesundbrunnen. So erwischte es im Juni 1937 den später an anderer Stelle bekannt gewordenen Erich Honecker zusammen mit Bruno Baum aus der Usedomer Straße 19, die zu zehn bzw. dreizehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Weitere 26 Kommunisten kamen im April 1939 vor Gericht. Sie hatten nach Treffen in der Hussitenstraße 68 im Stadtviertel Druckschriften verteilt. In drei weiteren Prozessen gegen insgesamt 24 Angeklagte des UB Gesundbrunnen wurden Zuchthausstrafen bis zu drei Jahren verhängt, die meisten wegen kommunistischer Propaganda.
Doch trotz des Terrors gab es noch Widerstandsaktionen gegen die Nazis. So entstand 1941 im AEG-Werk in der Brunnenstraße eine Widerstandsgruppe um den Kommunisten Herbert Grasse. Sie berichteten in illegalen Publikationen über örtliche Missstände und riefen zur Sabotage auf. 1943 wurden in über 70 Berliner Betrieben von der Gruppe um Anton Saefkow illegale Zellen aufgebaut, auch in den AEG-Werken Brunnen‑, Volta- und Ackerstraße. Saefkows Ziel war eine demokratische Volksregierung aller antifaschistischen Menschen. Durch den Verrat eines Spitzels im Juli 1944 wurde die Saefkow-Gruppe von der Gestapo verhaftet, mehr als 60 Mitglieder wurden hingerichtet.
Heinz Müller aus der Brunnenstraße traf es schon früher. Der „halbjüdische“ Kommunist verbüßte bereits bis Ende der 1930er-Jahre eine Haftstrafe wegen Widerstandsarbeit und wurde dann entlassen. Er führte seine politische Arbeit fort, hielt Kontakt zu illegal lebenden jüdischen Kommunisten sowie zum Untergrundapparat der KPD. 1942 wurde er erneut verhaftet und im Jahr darauf im KZ Auschwitz ermordet.
Kurt Klinke aus der Strelitzer Straße wurde ebenfalls wegen der Arbeit der Saefkow-Gruppe verhaftet und starb unter der Folter der Gestapo. Oder Hugo Seidel. Schon in den 30er Jahren verbüßte er eine dreijährige Zuchthausstrafe. Bei der zweiten Festnahme im Februar 1942 konnte man ihm nichts nachweisen. Er schloss sich dann einer Saefkow-Betriebsgruppe bei Osram an, wurde im August 1944 wieder verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Er überlebte.
Einen ganz privaten Widerstand leistete das Ehepaar Elise und Otto Hampel aus der Amsterdamer Straße 10. Nachdem der Bruder von Elise im Krieg 1940 getötet worden war, schrieben sie Postkarten mit Anti-Nazi-Parolen und legten diese im Wedding und anderen Bezirken aus. 1942 wurden sie dabei erwischt und festgenommen. Im April 1943 sind beide in Plötzensee hingerichtet worden. Nach der Zeit der Naziherrschaft nahm der Schriftsteller Hans Fallada die Geschichte des Ehepaares zur Grundlage für seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“.