- „Berliner Morgenpost“, 31. Oktober 1929
- Erinnerungen: Inge und Hilla Mann
- Erinnerungen: Harry Kopisch
- Franz Hessel: Spazieren in Berlin
- Kurt Tucholsky: Das Loch
- Erich Weinert: Geschichte eines Mieterstreiks
- „Welt am Abend“, 6. Januar 1933
„Berliner Morgenpost“, 31. Oktober 1929:
„Über Berlin kreisen Flugzeuge, unter der Erde rattern Untergrundbahnen, durch die Ackerstraße zwängen sich zweistöckige Autobusse, denen die erste Mieterin in Meyershof, Frau Minna Riedel, jetzt eine schwerhörige Greisin, noch immer etwas mißtrauisch nachsieht. Nur an dem Haus der tausend Menschen, Ackerstr. 132, hat sich nichts wesentliches verändert. Der Glanz der Mauern ist zwar verblichen, und von den Fassaden springt in großen Blättern der Putz ab. Aber noch immer steht es wie eine Burg, deren Höfe, wenn es dämmert, Burgverliesen ähneln, in die ein freudloses Schicksal sonnenhungrige Großstadtkinder geworfen hat.
Hunderte gehen jeden Morgen mit frischen Augen auf den Weg zur Arbeit und kehren abends müde wieder in das Haus zurück, das selten einen Bewohner loszulassen scheint, ehe der Tod ihn abruft.
Eine jede Laune unseres vielfältigen Schicksals ist innerhalb der Wände von Meyershof erlebt worden. Mehr als 1.000 Ehen wurden geschlossen, 500 Frauen haben ihre Kinder zur Welt gebracht. Geschäftsleute sind zugrunde gegangen, und andere haben Erfolg gehabt. Im Nachbarhaus ist vor 38 Jahren die zwölfjährige Lucie Berlin von einem Lustmörder getötet worden. 150 Hausbewohner haben Meyer’s Hof im Sarg verlassen, den ihnen der Tischler im Parterre gezimmert hat. Einer hat sich erhängt, andere ließen den Gashahn offen… Eine Generation hat den Krieg mitgemacht und ist vom Sensenmann dahingemäht worden.“
Erinnerungen Inge und Hilla Mann:
“Der Flur hatte kein direktes Licht, die Türen waren meistens verschlossen und hatten keine Fenster. Ab 1936 gab es elektrisches Licht im Meyer’s Hof, bis dahin wurde mit Gas, Petroleum oder Kerzen beleuchtet. Seitdem hing eine trübe elektrische Glühbirne im Flur. Es war so’n richtiger Graulkorridor.
Familienfeste wurden von allen, die auf dem Flur wohnten, gemeinsam gefeiert, dann waren die Türen offen. Wir wussten doch, wie unsre Buden aussahen, wir brauchten uns doch nicht voreinander zu schämen. Keiner war besser. Das Klo lag neben der Küche, der hintere Teil war abgetrennt, das war die Speisekammer von Frau Spaldings. Darüber war das Fenster, das man mit einer Stange öffnen konnte.
Wir hatten ja nur in der Küche gelebt. Da gab’s zu essen, zu trinken, da wurde drin gewohnt. Das Schlafzimmer, das war tabu, da wurde nur drin geschlafen. Aber meine Mutti, die hat in der Küche geschlafen. Geheizt wurde nur in der Küche. Wir haben immer im Kalten geschlafen.
Küche kann man das eigentlich nicht nennen, das war so ein kleines Ding mit einem Wasserhahn. Links stand der Kochherd, so ein eisernes Ding, der wurde mit Kohle geheizt. Neben dem großen eisernen Herd stand ein Gasherd, der mit einem Schlauch an einen Automaten angeschlossen war. In den Gasautomaten musste ich immer einen Groschen reinstecken.”
Erinnerungen Harry Kopisch:
“1924, als ich drei Jahre alt war, bekam mein Vater die Wohnung. Ich habe dort bis 1941 gelebt, bis ich eingezogen wurde, also 17 Jahre lang. Ich habe meine Kindheit dort verbracht, und ich muss sagen, es war eine wunderschöne Jugend, trotzdem es ‘Milljöh’ war. Heutzutage würde man das keinem Menschen mehr zumuten, aber für uns Kinder war das ein Paradies zum Spielen.
Wir haben nicht geguckt, wohnt der im Vorderhaus, wohnt der im zweiten, im dritten Hof. Uns verband nur die Freundschaft und die Spielerei. Jungs und Mädels haben zusammen gespielt. Erst mit etwa 16 trennte sieh das ein bischen.
Der wichtigste Spielplatz war sicher Meyer’s Hof selbst, dann der Gartenplatz, der einen großen Buddelplatz hatte. Auf das Eisenbahn-Gelände durfte man nicht. Die Straße war auch Spielplatz. Wir sind mit dem Roller oder Rad gefahren und haben Ballspiele gemacht, vor allem Schlagball. Wenn die Straßenbahn kam, mussten wir Pause machen. Die Straßenbahn haben wir in unsere Spielfläche mit einbezogen; Auf- und Abspringen während der Fahrt, oder wir haben Knallplätzchen, mit denen wir Trapper und Indianer gespielt haben, auf die Schienen gelegt. Dann kam die Straßenbahn angekracht. Die Fahrer, die da täglich mit der 3 durchfuhren, die kannten Meyer’s Hof schon und sagten sich, jetzt musst du mal langsam fahren, die haben bestimmt wieder was auf die Schienen gelegt.
Unser Revier war der Block zwischen Acker- und Gartenstraße. Unser eigenes Revier, das hatten wir in Beschlag, das kannten wir in- und auswendig, die gegenüber liegende Straßenseite der Ackerstraße gehörte schon nicht mehr dazu. Der tiefe Wedding war der Bereich Ackerstraße, Gartenplatz, Bernauer Straße, Gartenstraße bis zum Ende hin. Der Wedding hinter der Schwindsuchtbrücke war wieder ein anderes Gebiet. Für uns endete der Wedding an der Schwindsuchtbrücke.
Die Sacknäherei im letzten Quergebäude war nur ein Stockwerk hoch, ein Flachbau, der für uns Kinder herrlich zum Spielen war. Wir sind über die Dächer gerannt, übers Nebenhaus bis hin zum sechsten Hof, da ging eine Leiter runter am Schornstein, dann waren wir auf dem Flachbau. Entweder hatten die unten im Hof Säcke gestapelt, auf die wir dann drauf gesprungen sind, oder wir sind die Regenrohre runter gerutscht. Wir konnten auch, wenn wir weiter gegangen sind, über die Dächer von Keyling & Thomas hinweg rüber bis zur Gartenstraße. Später, das muss so 1934/35 gewesen sein, wurden die Fabrikhallen ausgeräumt und einer der ersten überdachten Berliner Rummelplätze in ihnen eingerichtet. Genau unter einem Fenster lagen die Matten der Ringer; da haben wir als Kinder immer runter gespuckt und haben uns unseren Jux gemacht.
Etwa acht bis zehn Kinder aus Meyer’s Hof waren in derselbe Klasse, die Clique Meyer’s Hof hielt auch zusammen gegen Angriffe von aufen. Die Clique bedeutete Schutz, man war ja die größte Kinderzahl in der Gegend. Morgens hatten die meisten einen gemeinsamen Schulweg. Wir sind dann zur gleichen Zeit los. Einer rief den anderen runter. Da war früh immer der Appell auf dem Hof: ‘Biste fertig?Kommste runter? Wir gehen jetzt!’ — ‘Ja, ich komme!’. Neben meinem Zimmer war der Treppenaufgang von 132, da pochte man an die Wand, das war unser Privattelefon.
Die Schrippenkirche hatte, was wir als Kinder sehr begrüßten, eine Art Fundgrube von Sachen, die verloren gegangen waren und dort versteigert wurden. Uns interessierten damals immer Spazierstöcke, damit haben wir als Kinder Hockey und Cricket gespielt. Einer kostete einen Sechser oder einen Groschen, den habe ich meinem Vater aus dem Leib gerissen, und dann haben wir den Puck über die Straße geschoben.
Die HJ hat in Meyer’s Hof keine Kunden werben können. Gegenüber war eine Berufsschule, später hieß sie Walter-Wagnitz-Haus, da hatten die sich etabliert. Wir haben gar keinen Kontakt zu denen gehabt. Gewiss, die wollten uns auch manchmal angreifen und sind da rausmarschiert, mit Fahnen, und versuchten uns zu provozieren. Aber wir haben uns gesagt: Lass die laufen; wir sind dann unserer Wege gegangen. Also in Meyer’s Hof haben die keine großen Freunde gewinnen können.
Unser Teil der Ackerstraße und der weiter unten, hinter den Friedhöfen, die haben wenig miteinander zu tun gehabt. Der Friedhof war unsere Grenze, die Bernauer Straße. Was dahinter kam, war ein anderes Gebiet. Da unten gab es Prostitution. Im oberen Teil der Ackerstraße gab es das gar nicht. Das war ein Arbeiterviertel, da haben die nicht Fuß gefasst. Zur Markthalle ging man selten. Der Hauptgrund ist bestimmt gewesen, dass die Leute bar bezahlen mussten. Denn hier im Umkreis des Hauses in den Stammgeschäften, die wir hatten, konnte man anschreihen lassen. Und Freitag war Zahltag. Zur Markthalle in der Ackerstraße pilgerte man von Meyer’s Hof nur für bestimmte Artikel wie Fisch, den es dort frischer gab als bei uns beim Much. Der hatte zwar auch Fisch, aber der war eingelegt in großen Fässern.
Die Nazis haben keinen Fuß gefasst in Meyer’s Hof. Da war mehr die SPD und die KPD — früher sagte man ‘die rote Hochburg’ — bis zum Mieterstreik. Der wurde ja auch von den politischen Parteien organisiert und unterstützt. Vor dem Mieterstreik, da kam der Tumarkin. Man hatte an der Brandwand zur Ackerstraße 134 über der Schlachterei Sprüche angemalt. Einem jungen Mann hatte man eine Wäscheleine umgebunden, hat einen Sitz befestigt, dann saß er wie auf einer Schaukel. Oben haben drei Mann gestanden und ihn runtergelassen, dann hat er die Wand bemalt: ‘Tumarkin kommt nach Berlin, um arme Leute auszuziehn; doch Meyer’s Hof ist auf dem Posten, und er kommt nicht auf seine Kosten’. Das hat der an die Wand gemalt und das blieb da auch stehen. Bis die Nazis endlich drauf gestoßen sind: Das muss weg! Dann haben sie die Fassade neu gestrichen.
1933/34 haben die Nazis die bekannten Kommunisten und Sozialdemokraten rausgeholt. Vorne im Vorderhaus wohnte der jüdische Arzt Dr. Moses, die Familie ist 1935 emigriert nach Amerika. Und die Familie Sperling – die Frau war ‘Arierin’, wie man so schön sagte, und der Mann war Jude, die Kinder waren Halbjuden, und die hat man nachher bis auf die Frau alle abgeholt. Das jüngste Kind, der Feddi, lebt heute noch, aber sein Bruder und der Vater, die sind irgendwo umgekommen. Den Sperlings-Kindern haben wir alle Kinder, mal einen Brief geschrieben, den haben wir der Mutter übergeben. Die wollte ihren Sohn besuchen, aber sie hat auch mit der Jüdischen Gemeinde Rücksprache genommen, und um uns nicht zu gefährden, hat sie den Brief nicht abgegeben.”
Franz Hessel: „Spazieren in Berlin“
„Aus dem Hof der riesigen Mietskaserne, dem ersten Hof – sie hat wohl fünf oder sechs, eine ganze Stadt wohnt darin. Alle Arten Berufe lassen sich erraten aus den Anschlägen: Apostelamt, Pumpernickelfabrik, Damen- und Burschenkonfektion, Schlosserei, Lederstanzerei, Badeanstalt, Drehrolle, Fleischerei… Und noch soundso viel Schneiderinnen, Näherinnen, Kohlenmänner, die in den endlosen, graurissigen Quergebäuden hausen.
Die Wölbungen dieser Torgänge geben dem Großstadtelend wenigstens noch ein Gesicht. Sonst ist es hier im Norden wie auch in den proletarischen Teilen von Schöneberg oder Neukölln den Häusern von außen meist nicht anzusehen, wieviel Armut sie bergen. Um eine Vorstellung vom Leben der Bewohner zu bekommen, muß man in die Höfe vordringen, den traurigen ersten und den traurigeren zweiten, man muß die blassen Kinder beobachten, die da herumlungern und auf den Stufen zu den drei, vier oder mehr Eingängen der lichtlosen Quergebäude hocken, rührende und groteske Geschöpfe, wie Zille sie gemalt und gezeichnet hat.“
Kurt Tucholsky: Das Loch
„Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finsteren, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat. Sie werden hineingesteckt, und zum Schluss überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch gerade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.“
Kurt Tucholsky, 1931
Erich Weinert: Geschichte eines Mieterstreiks
Eines Morgens um sechs – die Jungens kamen vom Zeitungsaustragen –
Hielt vor der grauen Mietskaserne ein Plattenwagen.
In der Haustüre standen zwei Polizisten und ein Mann vom Gericht,
Die gingen drei Treppen hinauf und klopften. Man öffnete nicht.
Der Schlosser kam und brach auf. Das ganze Treppenhaus roch nach Gas.
Menschen kamen und schnupperten. Sahen sich an. Keiner sagte etwas.
Ein Schupo kam wieder herunter und hustete: „Is was passiert?“ –
„Exmittieren wird nicht mehr nötig sein! Sind schon krepiert!“
Die Tage darauf war es stiller: gedämpfter Zank und Geschrei;
Wenn einer mit dem Verwalter Krach hatte, liefen sie alle herbei.
Und eines Abends brüllte einer durchs ganze Haus:
„Hört mal zu! Morgen früh schmeißen sie im dritten Hof einen raus!“
Am nächsten Morgen waren schon alle Hausflure und Treppen besetzt.
Die Polizisten kamen und der Mann vom Gericht: „Wer hat euch hier aufgehetzt?“
Ein alter Mann trat vor und sagte: „Wollen Sie’s probieren?
Gegen uns alle? Wir lassen hier keinen mehr exmittieren!“
Um neune gingen die Polizisten. Der Wagen fuhr leer wieder weg.
Ein Mann rief hinterher: „Nich wiederkommen! Hat doch keinen Zweck!“
Im Hof stieg einer auf den Müllkasten und sprach: „Das ist euch doch klar,
Mit der Einigkeit ist allerhand zu erreichen, nich wahr?“
Am Tage darauf kamen alle zusammen im Hof Nummer vier.
Und der alte Mann stieg auf den Müllkasten und schwang ein Papier.
„Arbeiter, hier hab ich einen Brief an den Wirt geschrieben. Hört her!
Wir zahlen bloß noch die halbe Miete. Wir können nicht mehr!“
Auf diesen Brief war vom Wirt ein kurzer Bescheid gekommen:
Er verhandle nicht, er hätte gerichtliche Schritte unternommen.
Und wieder versammelten sie sich. „Der kann doch bei uns nicht landen!“
Wir zahlen jetzt überhaupt nicht mehr. Wir streiken! Verstanden?“
Der Hauswirt setzte Gericht und Polizei in Bewegung.
Der Verwalter rannte von Tür zu Tür, rot vor Erregung.
War alles umsonst. Keiner zahlte. Da kam ein Schreiben:
„Mieten um fünfzig Prozent gesenkt. Rückstände nicht mehr einzutreiben!“
Und wieder versammelten sich alle. Da sagte der alte Mann:
„Das war der erste Erfolg. Es kommt nur auf die Einigkeit an!
Und das gilt überall, nicht bloß beim Kampf um Kammer und Küche!
Gegen unsere Geschlossenheit geht jede Macht in die Brüche.“
Erich Weinert, 1932
„Welt am Abend“, 6. Januar 1933
„Die rissigen Fassaden der Hinterhäuser sind mit roten Schriften überzogen, aus unzähligen Fenstern hängen rote Fahnen und von den Wänden leuchten rote Transparente. An einer kahlen Mauer schreit der Satz: „Wir wollen als Menschen leben!“, auf einem weiteren Transparent sind die Worte geschrieben: „Erst die Kinder satt, dann dem Hauswirt watt“. Überall haben die Mieter ihre Kampfansagen angebracht. Es ist ein gespenstischer Spaziergang, durch die dunklen schluchtartigen Höfe zu laufen, und überall von roter Farbe begrüßt zu werden: Die Streikleitung besteht aus kommunistischen, sozialdemokratischen und parteilosen Arbeitern. Wir kämpfen um nacktes Menschenrecht, wir wehren uns unserer Haut, erklären die Mieter.
Wir gehen in eine Wohnung: Ihr Inhaber, ein alter Mann, nimmt ein Glas und füllt es aus der Leitung: Es ist eine schwarzgraue, fast undurchsichtige, mit kleinen Sandkörnchen durchsetzte Flüssigkeit. In einer anderen Wohnung ist das Leitungswasser nicht schwarz, sondern gelb und milchig. Wahrscheinlich sind die Rohre versackt und verfilzt und möglicherweise verschiedene angebrochen, so daß sich der Unrat mit dem Wasser vermengen kann.
Wir gehen in die Wohnung von Frau Grau, die in einer winzigen Kammer unter der Erde haust: Das ist kein Wohnkeller mehr, denn das Fenster ist durch einen Pferdestall verdeckt, von den Wänden rinnen unaufhaltsam Wassertropfen, die die Farbe lösen und am Fußboden eine schmutzige Lache bilden. Unter dem Fensterbrett wächst dicker Schwamm, der nicht auszurotten ist.
Dann steigen wir die Treppe zum dritten Stockwerk. Über dem knapp 10 Quadratmeter großen Wohnloch befindet sich ein Klosett – die Decke hält nicht dicht, die Jauche näßt durch und tropft auf den Tisch der beiden Leute, die hier leben müssen. Eine Wand des Raumes ist gerissen, aus dem zweiten, nebenan liegenden Klosett kann man in die erbärmliche Stube hineinsehen. Das ist der Meyer-Hof, das in ganz Deutschland berüchtigte Schandstück des Nordens.“